Nach der Flucht

"Von Bremerhaven hatte ich noch nie gehört"

Mohamad K. hatte sich Bremerhaven nicht ausgesucht, als er auf der Flucht vor Krieg und Zerstörung in seiner Heimat Syrien nach Deutschland kam. Wenn man so will, war es der Zufall, der ihn hierher führte. Heute ist Mohamad froh darüber, dass alles so gekommen ist.

Bedrückende Enge

Direkt nach seiner Ankunft wurde Mohamad in einer Sammelunterkunft zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen untergebracht. Dort herrschte bedrückende Enge und eine angespannte Atmosphäre. Viele der Bewohner – so auch Mohamad – standen noch unter dem Eindruck der zurückliegenden Ereignisse. Das vage Gefühl, endlich in Sicherheit zu sein, mischte sich mit der Ungewissheit darüber, was als nächstes passieren würde und der Sorge um die in den Heimatländern verbliebenen Angehörigen und Freunde. Auch Mohamad musste seine Familie in Syrien zurücklassen.

Für den Ende Zwanzigjährigen begann eine Zeit des Abwartens. „Die Bilder von Tod, Verwüstung und kämpfendem Militär auf den Straßen waren in meinem Kopf allgegenwärtig. Wenn man im Grunde nur ausharren kann, fällt es nicht leicht, einen gewissen Abstand zu gewinnen“, sagt er rückblickend. Wie schwer ihm das fällt, ist ihm deutlich anzusehen. Nach ein paar Wochen in der Sammelunterkunft erhielt Mohamad die Nachricht, dass seine weitere Unterbringung in Bremerhaven geplant sei. „Ich hatte mich im Internet so gut es geht über Deutschland informiert. Ich wollte mich auf das Land und die hiesigen Sitten und Gebräuche vorbereiten“, erzählt der Literaturwissenschaftler und ergänzt: „Ich kannte Hamburg, Berlin und Frankfurt. Von Bremerhaven hatte ich noch nie zuvor gehört.“

Das Ziel: Ein Studium

Hier angekommen, erwartete ihn eine große Überraschung. Zusammen mit mehreren anderen jungen Syrern konnte er eine kleine Wohnung mit einer Küche und einem Bad beziehen. „Das werde ich nie vergessen und es fällt mir schwer, die Dankbarkeit in Worte zu fassen, die ich in diesem Moment empfunden habe.“ So schnell wie möglich wollte er nun die Initiative ergreifen, auf eigenen Beinen stehen. „Deutsche Universitäten haben einen guten Ruf und ich hatte gehört, dass hier nur geringe Studiengebühren zu entrichten sind. Ich verfügte ja über keinerlei Mittel.“ Das Ziel war klar – der Master-Abschluss an einer deutschen Universität. Dann möglichst schnell ein bezahlter Job, um zumindest seine Frau nach Deutschland holen zu können. „Mir wurde allerdings schnell bewusst, dass nicht alles so ablaufen würde, wie ich es mir vielleicht gewünscht hätte. Die Klärung meines Status und anderer formaler Fragen nahm mehr Zeit in Anspruch, als ich erwartet hatte.“

Und immer wieder: Warten müssen

Auch die Sprache war ein Problem. Mohamad K. spricht fließend Englisch, aber zu diesem Zeitpunkt noch nahezu kein Wort Deutsch. Nur durch Zufall erfuhr er von den wöchentlichen Treffen des Mentoren-Projektes (MeBBs) der Arbeiterwohlfahrt in Bremerhaven. „Der Kontakt zur AWO war für mich eine der wichtigsten Begegnungen überhaupt“, erklärt er und fährt fort: „Dort konnte ich problemlos Kontakt zu Englisch sprechenden Bremerhavenern knüpfen und ich habe schnell gemerkt, wie groß dort das Verständnis für meine Situation war und wie viel Erfahrung die ehrenamtlichen Mentoren – und insbesondere auch die Mitarbeiterinnen der AWO – mit Migration haben. Die waren wirklich professionell und haben mir sehr geholfen.“

Ehrenamtlich bei der Tafel

Damals wartete Mohamad noch auf seinen ersten Sprachkurs. Viel zu tun gab es für ihn nicht - bis die Anfrage kam, ehrenamtlich bei der Bremerhavener Tafel mitzuarbeiten. „Der Chef der Tafel, Herr Jabs, ist auch stellvertretender Geschäftsführer der AWO. So kam der Kontakt zustande. Es hat mir einfach gut getan, etwas für andere Menschen tun zu können; etwas zurückzugeben. Zumal dort auch viele Flüchtlinge anzutreffen sind.“ Für den jungen Syrer gehören viele Dinge dazu, um sich, zumal als Flüchtling, in einem fremden Land zurechtzufinden und Schritt für Schritt damit zu beginnen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Immer wieder nennt er in diesem Zusammenhang die Sprache, aber wenn er mit leuchtenden Augen davon berichtet, wie wichtig es für ihn war, das Gefühl zu bekommen, gebraucht zu werden, dazuzugehören und Hilfe auf Augenhöhe zu erfahren, wird deutlich, welche integrative Kraft im menschlichen Miteinander liegt und wie viel Mut und Zuversicht daraus erwachsen können.

Leben wie jeder andere

Seit einigen Wochen besucht Mohamad einen Integrationskurs. Auch sein Status ist geklärt und er verfügt über eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. „Jetzt kann ich wie jeder andere in diesem Land leben – mit allen Rechten und allen Pflichten“, sagt er. Auf die Frage, wie es ihm heute geht, antwortet er kurz: „Es geht mir heute besser“ und man sieht ihm an, dass dies, trotz allem, noch lange keine Geschichte mit Happy End ist. Es vergeht kaum ein Augenblick, in dem Mohamad K. nicht an seine Familie und vor allem an seine Frau denkt, die er, wie alles andere auch, in Syrien zurücklassen musste. In dieser fernen Heimat, die alle schönen und wertvollen Erinnerungen in sich birgt und gleichzeitig die Hölle auf Erden bedeutet.

Mehr zur AWO Migrationsberatung in Bremerhaven


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