AWO gegen Rassismus

„Wer nur sich selber liebt, missbraucht das Leben!“

Mely Kiyak über die Freiheit, die nichts taugt, wenn sie nicht für alle Menschen gilt

Man hat dieser Tage das Gefühl, dass nichts unversucht gelassen wird die Frage der Flüchtlinge zu skandalisieren. Es seien zu viele, sie seien zu anders, zu fremd, zu anstrengend, sie passen einfach nicht zu uns. Nicht kulturell, nicht politisch, nicht finanzökonomisch. Als ob das Recht auf politisches Asyl jemals davon abhängig gewesen wäre!

Wie wäre es, sich für einen Moment vorzustellen, dass sich dieses Land Gedanken darüber macht, was wir für die Flüchtlinge tun können, außer sie zu registrieren und zu verwahren. In Berlin hungern Flüchtlinge seit diesem Winter. Sie sind untergebracht in riesigen Flugzeighangars, die einst als Garage für die Kampfbomber der Nationalsozialisten gedacht waren. Sie schlafen auch in Turnhallen, die einst gebaut wurden, damit Schulkinder Völkerball spielen können. Sie schlafen in Notunterkünften, die das Wort Unterkunft nicht verdienen. In Uelzen stranden jede Nacht Menschen aus Afghanistan und dem Irak und wenn es keine Freiwilligen gäbe, so würden sie auf nacktem Stein schlafen. Das ist die neue Heimat, die wir Menschen bieten.

Die Diskussionen in Deutschlang laufen, machen wir uns nichts vor, hasserfüllt und unerbittlich. Sozialneid ist ein furchterregender Virus der eine Gesellschaft kontaminieren kann. Dieser aufklärungsresistente Keim steckt in unserem Land und alle Argumente und alle Bildung scheinen zu verpuffen. Wie kann man einem Menschen, der nichts mehr hat, Wohnung, Nahrung, Geld und Hilfe verweigern? Vielleicht ist es doch eine Frage der anthropologischen Prämisse. Manche Menschen kommen auf die Welt und sind altruistisch und anderen wird Solidarität für immer fremd bleiben.

Ellie Wiesels Worte, die er bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1986 bekam, sind verpufft wie Wasser in der Hitze:

»Was all die Opfer von Verbrechen vor allem anderen brauchen, ist das Wissen, dass sie nicht alleine sind, dass wir sie nicht vergessen, dass, auch wenn ihre Stimmen erstickt werden, wir Ihnen die unseren leihen müssen, dass, während ihre Freiheit von der unseren abhängt, die Qualität unserer Freiheit von der Ihren abhängt«.

Das ist sehr stark, dass die Qualität der eigenen Freiheit von der Freiheit eines anderen abhängig zu machen ist. In diesem Gedanken steckt ein zutiefst humanistischer Wert, nämlich die Gerechtigkeit. Sie herstellen zu wollen, ist ein Grundbedürfnis, das zu äußern in diesen Tagen als Provokation empfunden wird. Denn die Gegner von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit haben nicht verstanden, dass diese Werte nichts wert sind, wenn sie nicht als universell deklariert werden, nämlich in dem Sinne, dass sie für alle Menschen durch alle Zeiten gültig sind. Shakespeare meinte genau das, wenn er sagte: „Wer nur sich selber liebt, missbraucht das Leben!“

Mely Kiyak ist politische Kolumnistin und lebt in Berlin.

Für Zeit Online schreibt sie „Kiyaks Deutschstunde“; für das Maxim Gorki Theater „Kiyaks Theater Kolumne“


Dieser Text erschien zuerst in der AWO Ansicht 1/2016 – Perspektiven für Geflüchtete

Foto: Ute Langkafel, MAIFOTO

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